EDITH JUNG


Eröffnungsrede ( Auszug ) Galerie Inter Art 2011, Dr Andrea Fix, Stuttgart


Für den November hat sich die Galerie Inter Art Edith Jung geholt. Mit und in ihren Bildern kommt
uns das Blau sehr nah, es will uns in seinen Bann ziehen. Die Farbe Blau - das ist ein großes, ein
fast unerschöpfliches Thema. Vor 20 Jahren veranstaltete der Heidelberger Kunstverein eine
große Ausstellung mit dem Titel: 'Blau - Farbe der Ferne'. Die Ausstellungsmacher fragten damals:
"Kann man angesichts der mächtigen Herausforderung der Vergangenheit tatsächlich weiterhin
blaue Bilder malen", Ein Zusatzband zur Ausstellung versammelte eine Fülle an Zitaten zur Farbe
'Blau'. Ich möchte einige wenige daraus zitieren.

"Die blaue Unendlichkeit im Sonnenlicht, in Raumklarheit, verjagte alle Nachtgespenster
und meine Seele war wieder unsterblich."
Hans Thoma (1839-1924)

Blau ist der südliche Himmel und die Kälte des nördlichen Eises. . . . Blau ist kalt und warm, sagte
Klee. Blau ist die Farbe der Tiefe. Sie war das Medium der Mystik. . . .

Lao-tse sagte: Der Weise liebt das Blau".

Zuletzt, Leonardo da Vinci: "Das Blau setzt sich aus Licht und Finsternis zusammen."

Blau ist eine Farbe der Gegensätze. Und je länger man die Bilder von Edith Jung betrachtet, je
mehr Gegensätzliches ist auch in ihnen zu entdecken. In ihren Farben spiegelt sich 'das blaue
Licht' der Gletscher. Die scheinbare Leichtigkeit und Flächigkeit ihres Farbauftrags entwickelt eine
überraschende Dynamik, die Transparenz der Farben eine eigenwillige Dialektik: Die Intensität
ihrer Bilder entsteht in einem aufwändigen, raffinierten und langwierigen Malprozess. Die
gläsernen Farben entwickeln dabei eine Dominanz, ja eine Autorität, die uns zu einem neuen Blick
auf sie verleiten. Diese Bilder können nicht allein auf die Farbe blau reduziert werden. Denn jetzt
stellen sich uns schwarze Zeichen und Balken entgegen. Die Bilder sind durchsetzt von ihnen.
Diese Zeichen irritieren. Sie suchen nicht den Dialog mit der Fläche, mit der Farbe - sie suchen
den Dialog mit uns. Sie sind wie geheimnisvolle Runen, manchmal von der Leichtigkeit asiatischer
Kalligrafie, manchmal energiegeladene Balken. Diese schwarzen Zeichen, Striche und Linien
hindern uns daran, in den blauen Sehnsuchtsmetaphern der Romantik zu versinken. Die blaue
Ferne ist hier - 'so nah'. Diese vielschichtigen Eindrücke, die ich zu schildern versuche, verstärken
sich durch die von Edith Jung gewählten Bildmaße. Die meisten ihrer Bilder sind Hochformate. Es
sind keine horizontalen Himmelsbilder, keine weiten Meereslandschaften. Manchmal scheint der
Horizont in die Vertikale gekippt, er wird sozusagen 'geerdet' - es sind geerdete Sehnsuchtsbilder.
Wenn Edith Jung aber ihre Bilder wie zu einem Diptychon anordnet, wenn sie sich gegenseitig zu
spiegeln scheinen, dann entsteht eine verwirrende Doppelung. Diese Spiegelungen in Blau (im
Lichtfeld, wie sie zwei ihrer Bilder nennt) wirken suggestiv. Wir erleben, wie -scheinbar- einfache
Farbflächen einen fast unwiderstehlichen Sog entfalten. Kann man heute noch blaue Bilder malen
- Edith Jung kann es!


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