EDITH JUNG
Text: Dr. Gert Reising. Karlsruhe


Edith Jung

"Geboren in Karlsruhe, studierte Edith Jung bei Prof. Rainer Küchenmeister an der
Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe, erhielt 1980 ein Stipendium der
Kunststiftung Baden-Württemberg und war 1982-83 für ein halbes Jahr Gast in der
deutschen Künstlervilla Massimo in Rom.

Edith Jung ist Malerin. Ihre Werke sind durch die Farbe als Flächenform geprägt, sie
gestaltet damit Bilder, die als meditative Tafelbilder aus der Tradition der
ungegenständlichen Kunst seit 1960 entwickelt werden: Aus vielen Schichten pigmentreicher
Lasuren entstehen großflächige Membranen, die aus dem intensiven, vor allem auf Blau-
Gelb- und Grüntönen basierten Auftrag nach und nach Klangkörper machen, deren
Ausstrahlung nach allen Seiten, nach hinten wie nach vorne ausschwingen.

Dies ist dem Aufbau allein aus der Farbe geschuldet, während des Malens entsteht ein
kompakter Körper, und umso überraschender scheint, dass Edith Jung ihre Flächen vor
allem aus kleinen, nebeneinander liegenden Pinselschwüngen entwickelt, um aus dem
ähnlichen Kleinen ein anderes Großes zu gestalten, ein lebendiges, körperliches Malen, das
zu gefestigten Strukturen führt, die den Aufbau der Bilder beinhalten, indem die Farbflächen
zu Membranen, zu Schwüngen und Rhythmen werden und das Bild zu bewegen beginnen,
aus dem Malverlauf wird der Lauf der Bilder.

Dadurch entwickeln sich gleichzeitig Zellteilungen, die die durchaus monochrome, in sich
reich kolorierte Farbfläche zu einem dynamischen Nebeneinander werden lassen, es
entstehen Diptychen oder Bilder mit gleichmäßig pulsenden, durchlaufenden weiten
Farbzeilen, welche in fast zeichenhafter Gestalt die Kompostion bestimmen, auch
membranhafte Zeichen, darüber hinaus werden während des Aufbaus dieser Bilder von vorn
herein Auftaktbewegungen und kurze Impulse sind aus dem Malen heraus entwickelt und
zum Zeichen erhoben.

Es ist eine auf den ersten Blick ruhige Malerei, die auf jegliche Effekte Verzicht leistet und
den Betrachter einlädt, sich in längeren Zeitmomenten auf sie einzulassen: Teil einer
Auffassung, dass die Kunst eine Alternative zur Schnelligkeit anderer Momente des Lebens
anbietet. Hierzu gehört der ebenso einfache Einstieg in das Gestaltungssystem, denn es gibt
mit der membranhaften Farbform und ihrem Einsatz in einem auf das Verhältnis zwischen
Einzelzug und dem einheitlichen Ganzen ein zeitgenössisches, variantenreich lebendiges
Spiel zwischem dem Einzelnen und dem durchaus immer nahen Ganzen, und daher ist es
ein Baukastensystem im Sinne minimalistischer Gestaltung.

Ein Grundton wird zum großen Klang und damit zum Motiv, das sich durch das gesamte Bild
zieht und nach allen Seiten hin in den Raum ausschwingt, es ist eine durchaus musikalische
Malerei, welche Parallelen zwischen den Klängen der Malerei und der Musik zulässt, ohne je
illustrativ zu werden, dazu ist die Farbe zu intensiv, die Struktur zu klar, das Bild dann zu
lebendig.

Sieht man dieses strikt malerische Prinzip, durch Wärme und Klang zur Form, dadurch zur
Gestalt und durch die Flexibilität der Formen zur kommunikativen Körperlichkeit zu gelangen,
als gesellschaftliches Phänomen, so bietet darin der stete Wechsel einfacher
Formzusammenstellungen flexible Handungsformen, die an Modernität kaum zu überbieten
sind, indem sie Teil einer strukturalistisch offenen Gesellschaft sind:
Handlungsanweisungen, die zur Hoffnung Anlaß geben, dass die körperliche Wärme dieser
Bilder nicht in der letztlich kommunikationsarmen Computerimagination von Leben
verschwinden. Es sind Bilder für Alle."


<